Madames Stimme

Jemandes Stimme sein – nicht weniger, aber auch nicht mehr: so habe ich unseren Beruf seit jeher gesehen.

Vor einigen Jahren begleitete ich als Dolmetscher eine Delegation von Euro-Parlamentariern. Delegationsleiterin war eine deutsche Abgeordnete. Die Diskussionen waren angesichts der kritischen Lage Haitis nicht einfach; zudem wurden sie an eher ungewöhnlichen Sitzungsorten geführt. Das auf ein Minimum beschränkte Dolmetscherteam musste konsekutiv dolmetschen oder für einzelne Delegierte flüstern, aber es liess sich – durch das Erlebte ebenso betroffenen wie motiviert - von den widrigen Umständen nicht unterkriegen.

Eines Abends fragte ein Journalist, der im Auftrag eines privaten Rundfunksenders tätig war, die Delegationsleiterin, wie viele Nationalitäten in der EP-Delegation vertreten seien.

Ich übersetzte die Antwort - eine Aufzählung der Delegationsmitglieder -, die mit der Auskunft endete: „... und dann noch ich selbst – ich bin Deutsche“.

Der Journalist brach in schallendes Gelächter aus und fragte mich augenzwinkernd, ob ich wirklich aus Deutschland und zudem weiblich sei, worauf ich ohne zu zögern konterte: „Nein, ich bin Madames Stimme!“

Die ungekürzte Aufzeichnung dieses kurzen Wortwechsels erregte bei seiner Ausstrahlung im örtlichen Rundfunk grosses Aufsehen und brachte mir bei späteren Gesprächen, insbesondere bei Pressekonferenzen, einigen Ruhm ein.

Der französische Botschafter überreichte mir als Andenken eine – leider unbrauchbare - Kassette mit der Aufzeichnung des Interviews.

Jemandes Stimme sein – nicht weniger, aber auch nicht mehr: so habe ich unseren Beruf seit jeher gesehen.

Das ist der einfache Lehrsatz, den ich immer wieder den Studentinnen und Studenten einzuprägen bemüht bin, denen ich vielerorts begegne.

Diese zukünftigen Kolleginnen und Kollegen müssen in ihrer Verdolmetschung allem voran nicht ihre eigene Stimme, sondern die der Hauptperson, nämlich der Rednerin oder des Redners, zu Gehör bringen. Dabei müssen sie streng professionell ebenso getreu den Inhalt der Aussage wiedergeben wie die Ausdrucksweise und Persönlichkeit des Originals spürbar machen.

Das ist nicht immer einfach, zumal nicht alle Vortragenden geborene Redner sind.

Jemandes Stimme sein erfordert eine gewisse Reife. Manche Dolmetscher/innen empfinden den Bekanntheitsgrad oder die hochrangige Stellung der Redner als Aufwertung ihrer eigenen Person, als ob deren Berühmtheit auf sie abfärbe.

Das sehe ich anders. Ich habe während meiner Laufbahn die Reden von Staats- und Regierungschefs und von Nobelpreisträgern gedolmetscht. Die Essenz unseres Berufs haben auch sie mir letztlich nicht deutlich machen können.

Wirklich verstanden habe ich sie, glaube ich, erst 1985 bei einer Konferenz in Hamburg, die unter Leitung einer dänischen Organisation stattfand und von einem Netzwerk europäischer Institute und Einrichtungen getragen wurde.

Das Konferenzthema war denkbar schlecht gewählt: Normalisierung und geistige Behinderung.

Die Konferenz sollte die Notwendigkeit der Eingliederung von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft deutlich machen und darauf hinwirken, dass sie nicht mehr in Sondereinrichtungen abgeschoben werden.

Die Europäische Kommission unterstützte die Veranstaltung durch die Bereitstellung eines Dolmetscherteams.

Am letzten Tag der Konferenz ereignete sich ein bedeutungsvoller Zwischenfall. Während ein deutscher Professor zu einem langen Vortrag in dem bei derartigen Veranstaltungen üblichen geschraubten Stil ansetzte, zog eine Gruppe von Menschen – die Betroffenen höchstpersönlich, wie sich herausstellte – langsam in den riesigen Konferenzsaal ein.

Ungeschickt (einige Spruchbänder wurden verkehrt herum gehalten) drangen sie bis zur Tribüne vor und forderten, angehört zu werden.

Die offensichtlich ratlosen Organisatoren improvisierten schliesslich eine offene Diskussion mit den Vertretern der Aufrührer – ein Begriff, den ich absichtlich benutze, denn sie haben gezeigt, wie einfachste Aussagen grosse Wirkung haben können.

Die Diskussion verlief mehr oder minder gut; in erster Linie wurde nachdrücklich dagegen protestiert, dass die Konferenz lang und breit über Menschen mit Behinderungen redete, ohne dass diese selbst gehört wurden. Zwar wurden sie von verschiedenen Organisationen nach Hamburg mitgebracht, dann aber in Gastfamilien oder –einrichtungen versteckt.

Fünf oder sechs Kritiker/innen kamen zu Wort, zuletzt eine junge Engländerin.

Sie bleibt mir unvergessen: ich sehe sie noch immer vor mir, wie sie weit vom Mikrofon entfernt steht, eine ungefällige Erscheinung in einem verknautschten Regenmantel. Das Sprechen fällt ihr schwer, wie den anderen vor ihr; wie ihre Vorredner ist auch sie eingeschüchtert, aber sie nimmt sich ein Herz und fängt an.

Ich weiss nicht, warum, aber sie zieht die Zuhörer in ihren Bann.

Schliesslich gelangt sie ans Ende ihrer langen Rede. Der Text in ihrer Hand - sie hat so getan, als ob sie ihre Worte abliest - ist nur noch ein zerfetztes Papierknäuel.

Die Leiterin der improvisierten Diskussion dankt ihr und bittet sie, sich wieder zu setzen, was ihr ein herbes „Ich bin noch nicht fertig!“ einbringt.

Nach langem Schweigen übersetze ich: „Ich will noch etwas sagen!“

Dieses „Etwas“ sagt sie, nachdem sie lange dagestanden hat, vor- und zurückwippend, schliesslich all ihren Mut zusammennehmend, mit Inbrunst, klar und deutlich:

„Ich will sagen .... dass ich heiraten möchte und Kinder haben.“

Ich kann und will nicht beschreiben, was ich empfand, nachdem ich diese Worte gedolmetscht hatte.

Klar war mir jedoch, dass ich in diesem kurzen Augenblick die grosse Ehre gehabt hatte, die Stimme einer Person zu sein, die sonst ungehört verhallt.

Dieser Moment meiner beruflichen Laufbahn ist bis heute ihr Höhepunkt geblieben.

Vor einiger Zeit habe ich durch eine zufällig gesehene Fernsehsendung erfahren, dass in einigen Ländern, so zum Beispiel in Frankreich, Menschen mit geistigen Behinderungen unter bestimmten Bedingungen und mit der nötigen sozialen Begleitung eine Familie gründen können.

Ich weiss nicht, was aus der jungen Engländerin geworden ist, deren Namen ich nicht kenne, aber ich bin froh, dass ihre Stimme Gehör gefunden hat.



Recommended citation format:
Michel LESSEIGNE. "Madames Stimme". aiic.net February 27, 2002. Accessed May 26, 2019. <http://aiic.net/p/1167>.



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ulla schneider

   

thank you for this article. this is what interpreting is all about! reminds me of a New York Police Department Employee who started out a seminar saying :Hi! my name is Charles Dorfman and I'm here to tell you about microfilming 10 million New York birth certificates. And he did, and he was wonderful , and it was a privilege to be "his voice"! There are many instances I remember, where we have helped to give a voice to people from all walks of life, with or without handicaps,who have something to say and whose messages might otherwise have gone unheard.

Ulla Schneider

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Edwin GOOSSENS VAEREWYCK

   

Chapeau pour ce brillant article et merci de nous faire partager ton expérience

edwin Goossens Vaerewyck

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