Dolmetschen für Afghanistan oder Vom Segen der AIIC Arbeitbedingungen

Schnell, schnell!  In zwei Stunden braucht die Protokollabteilung einen Kostenvoranschlag für ein Team Deutsch, Englisch, Französisch, Dari und Paschtu – die Konferenz beginnt in zwei Wochen. Na – wen

Es begann an einem Novembermorgen im Jahre 2001 in meinem Büro im Sprachendienst des Auswärtigen Amts in Berlin. Schnell, schnell! In zwei Stunden braucht die Protokollabteilung einen Kostenvoranschlag für ein Team Deutsch, Englisch, Französisch, Dari und Paschtu – die Konferenz beginnt in zwei Wochen. Na – wenn’s sonst nichts ist..., murmelte ich vor mich hin.

Deutsch und Französisch wurden bald gestrichen, aber – woher Dari und Paschtu nehmen?? Auf welcher Konferenz dieser Welt waren denn diese Sprachen simultan je gedolmetscht worden? Ich rief Kollegen in aller Welt an, die Leiter und Leiterinnen der drei UNO Dolmetschdienste – dort wusste man doch vielleicht... „good luck“ kam die freundliche Antwort. Oder bei der Deutschen Welle? Oder bei... oder bei... Viele Namen Sachkundiger fielen mir ein; viele Ratschläge und Hinweise bekam ich; Dolmetscher – keine!

In zahllosen Telefonaten hatte ich früher schon einmal, nur so für alle Fälle, eine junge afghanische Dame gesucht, die ich am Fernsehen hatte dolmetschen hören – ich war sehr angetan gewesen. Aber, entgegnete sie mir damals, sie sei keine Dolmetscherin, habe zwar einmal akzeptiert, wolle aber nun nicht mehr dolmetschen, sondern weiterhin ihrer Tätigkeit in einem Wirtschaftsunternehmen nachgehen. Viel später erfuhr ich dann: nur scheinbar dolmetschend sagte sie am Mikrophon eher, was der verantwortliche Manager sie sagen hören wollte als was der Redner eigentlich gesagt hatte. Auch so etwas gibt’s! – Nichts für mich!

Seit Wochen traf in meinem Büro eine ganze Reihe Bewerbungen ein. Afghanen, die in Deutschland lebten, boten ihre Dienste für die in den Medien angekündigte Afghanistan-Konferenz an. Aber ich brauchte ja Englisch als Arbeitssprache, nicht Deutsch. Immerhin konnte ich darunter Personen sprechen, die selbst als Übersetzer arbeiteten. Ergebnis: nichts!

Zu Hause flackerte das Licht am Anrufbeantworter: Der Afghanistan-Stab der UNO New York fragte an: „Please let us know the names of the interpreters you have so that we can check whether they are the right ones.“ – Hm – eigentlich …, aber morgen..., morgen wird mir Jemand Namen benennen. Was mochte „the right ones“ heißen? Egal – ich erhielt jetzt den Namen und die Telefonnummer des Afghanistan–Dienstes von BBC World. Nun ja, wer dolmetscht nicht alles... Professoren, Sprachlehrer, Philologen – da sind Journalisten ab und an noch die Geeignetsten, ihr Beruf dem unseren vielleicht am nächsten im Sinne der Analyse, der korrekten Umsetzung und Wiedergabe einer Aussage. Vor allem aber: knappe acht Tage vor der Konferenz hatte ich gar keine Wahl mehr, sondern hier war endlich ein Fadenende, an dem ich ziehen konnte. Nach wenigen Telefongesprächen förderte dies tatsächlich vier Namen zu Tage. Namen von vier Personen, von denen zwei Paschtu und zwei Dari als Muttersprache hatten und die offenbar dolmetschen können sollten. Journalisten waren sie übrigens alle nicht.

Mehrfach wurde die Konferenz um einige Tage verschoben – mittlerweile korrespondierte ich mit den vier „Kollegen“ per E-Mail. Am Ende bestand ich darauf, dass wir – dank einer erneuten Verschiebung – einen Tag früher anreisen würden. Einen Tag Dolmetscherausbildung, den sollten wir schon haben, dachte ich mir. Gesagt, getan – ein wenig Einführung in den Beruf, in die Techniken und dann – ab in die Kabine. Oh wunder – es klappte – allerdings nur in einer Kabine, nicht in der anderen... Würde das noch werden? Um es offen zu sagen - aus der zweiten Kabine war zu keinem Zeitpunkt je so recht etwas zu hören. Aber das machte offenbar den Delegierten nichts aus. Niemand sprach mich darauf an. Die Konferenz endete mit einem Erfolg!

Die im Büro eingetroffenen Bewerbungen von Afghanen lagen noch immer wohl verwahrt in meinem Aktenschrank. Nun war es an der Zeit, diese hervor zu holen. Für den nächsten Fall wollte ich besser gerüstet sein. Etwa 20 Personen wurden zu einem Test ins Auswärtige Amt eingeladen. Das volle Programm: Übersetzen in die und aus der Muttersprache. Die Kandidaten mit den besten Ergebnissen wurden zum Mündlichen eingeladen, einschließlich eines Tests zur Dolmetschbefähigung. Davon wurden schließlich acht ausgewählt, die wir im Oktober 2002 zu einem Kurs nach Bonn einladen konnten.

Kurz zur Erläuterung: Für die festangestellten Übersetzer an deutschen Botschaften in aller Welt, an denen außerdem auch Dolmetscher benötigt werden, führt das Auswärtiges Amt in regelmäßigen Abständen Kurse durch: Einführung in die Notizentechnik des Konsekutiv-Dolmetschens; am Ende der fünf Kurswochen steht ein Test mit Übungen in beide Richtungen von je fünf Minuten Dauer. Nach ungefähr zwei Jahren für einige ein vierwöchiger Fortbildungskurs: am Ende Texte von zehn Minuten Dauer. Schließlich nach weiteren etwa zwei Jahren ein Simultankurs. Das Verfahren wurde zur Zeit der „Ostpolitik“ des damaligen CDU-Außenministers Gerhard Schröder entwickelt; es lief immer weiter und erlebt eine neue Intensität seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Wiedereinführung von Nationalsprachen in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Insgesamt hat sich das Verfahren sehr bewährt. Es ist nur logisch, dass die Einzelergebnisse der Teilnehmer recht unterschiedlich ausfallen. Einige zeigen deutlich, dass ein Dolmetschtalent in ihnen schlummerte. Bei anderen sind und bleiben die Eigenschaften des Übersetzers stärker ausgeprägt.

Ein solcher Kurs wurde nun also acht Afghanen angeboten; sie hatten zwischen 10 und 35 Jahre in Deutschland gelebt, hier studiert.. Erstaunlich wenig hatten sich die Teilnehmer in ihren Jahren in Deutschland mit der Korrektheit und der Nuancierung der deutschen Sprache befasst, die meisten ebenso wenig mit der Fortentwicklung der eigenen Muttersprache, mit deren Bildungssprache, noch waren sie mit der klassischen und moderneren Literatur in der Muttersprache vertraut geblieben. Angesichts des Schicksals von Afghanen und ihres Landes sehr verständlich. Aber doch ein Handicap heute, will man mit Sprache arbeiten. So musste ihnen beispielsweise von Grund auf ein Bereich wie Terminologie erschlossen werden. An Nachrichten aller Art sind sie dagegen alle sehr interessiert, bringen also die für unseren Beruf wichtige allgemeine Neugierde mit. Aber, wie nicht anders zu erwarten, waren dann die Abschlussergebnisse sehr, sehr unterschiedlich, ja es hat sich seither erwiesen, dass weniger als die Hälfte der damaligen Kursteilnehmer bei Konferenzen einsetzbar sind. Dabei beziehe ich heute das Simultandolmetschen bereits mit ein, das die Befähigteren einfach durch einen Sprung ins kalte Wasser erlernen mussten. Zu dieser Gruppe zählt aber unbedingt auch der junge Kollege in London, der seinerzeit bei der Petersberg I Konferenz sein Meisterstück ablieferte, bloß an unserem Kurs leider nicht teilnehmen konnte, weil er nicht Deutsch kann. Sein damaliger sehr guter Kollege hat inzwischen einen hochrangigen Posten in Kabul übernommen.

Mit diesen 3, vielleicht 4 bis 5 Personen besetzen wir heute die Dari Kabine oder Dari konsekutiv bei allen Konferenzen, die Deutschland – allein oder mit Partnern – zum Thema Afghanistan und mit Dari als eine der Amtssprachen ausrichtet. Sicherlich braucht man in der Welt nicht 30, auch nicht 20 Dolmetscher für Dari – aber 10, das wäre schon eine angemessene Zahl! Die Arbeitslast einer bi-direktionellen Kabine erfordert den Einsatz von drei Dolmetschern – aber wenn es nur zwei der geforderten Kombination gibt, dann – ja, dann überfordert man sie halt ein wenig, und der Auftraggeber wird verleitet anzunehmen, dass dies das normale Arbeitsmaß sei. Fatal, gerade wenn es sich um Anfänger im Beruf handelt. Wie schnell ist ihr Ruf angekratzt statt aufgebaut!

Es schwebt mir übrigens auch immer noch vor, dass die afghanische Regierung in Kabul einen Sprachendienst etwa der Art wie das Auswärtige Amt für sich aufbauen sollte, weil sie ihn für all die politischen Besuche, die Anlaufphase der zahlreichen Zusammenarbeitsprojekte braucht. Die Arbeitssprachen eines solchen Sprachendienstes wären meines Erachtens zunächst einmal Englisch, Deutsch, Französisch. Die ersten, die den „Kernsprachendienst“ bilden, könnten dann für eine sinnvolle Erweiterung sorgen. Es fehlt allerdings vorerst nicht nur das Geld, sondern auch das Interesse für ein solches Projekt. Denn, auch wenn Luther schon so treffend schrieb, „es ist das Dolmetschen nicht eines Jeden Sache“, so denken doch alle Philologen, Sprachlehrer, Professoren es sei präzise ihre Sache, und die Organisatoren von Konferenzen glauben ihnen nur allzu gern. Wer eine Sprache radebrechen oder gar in ihren historischen Zusammenhang stellen kann, ja der wird sie doch wohl am besten auch bei Verhandlungen beispielsweise zur Drogenbekämpfung dolmetschen können. Leiter von Entwicklungsprojekten glauben, ihre Fachkräfte seien die gemachten Dolmetscher. Fragt man allerdings genauer nach, so hört man, es gibt Veranstaltungen in Kabul, bei denen die anwesenden Europäer schlicht nichts verstehen, und das eben gerade auch wenn aus dem Dari ins Englische „gedolmetscht“ wird.

Vielleicht ist an dieser Stelle ein ganz unwissenschaftliches, aber von Fachleuten überprüftes Wort zu den Sprachen angebracht. Der eine oder andere könnte versucht sein, in einer Dari Kabine auch Iraner einzusetzen. Aber: Dari verhält sich zu Persisch sehr ähnlich wie Schweizerdeutsch zu Deutsch. Dies bedeutet, dass Iraner eine Unterhaltung unter Afghanen nur zu etwa 70 % verstehen können. Nun dürfen wir von Schweizern erwarten, dass sie bei einer Konferenz „Hochdeutsch“ sprechen. Aber „Hochpersisch“ (als Wort in Analogie einmal so konstruiert) ist nicht das, was der Afghane als Dari lernt oder was der gebildete Afghane üblicherweise spricht. Er braucht sich nur wenig zu bemühen, um für Iraner verständlich zu sprechen; er selbst versteht mit ziemlicher Sicherheit persisches Persisch, sowohl der Teheraner Ausprägung wie in anderen Varianten. In das afghanische Dari aber, gerade in die Verwaltungssprache, sind sehr viele Wörter aus dem Paschtu übernommen worden (das ist die andere „große“ afghanische, ebenfalls indo-europäische, aber völlig andere Sprache), die der Iraner nicht verstehen kann. Ins Persische wiederum sind seit der Revolution viele arabische Wendungen eingeflossen. Im religiösen Verbund des Islam versteht der Afghane diese durchaus, selbst wenn sie (auch unter den Taliban) ins Dari nicht Eingang fanden. – Bleibt zu ergänzen: Tadschikisch ist dem Dari sehr nahe.

Doch noch einmal zurück zur Praxis in den Dari gedolmetschten Konferenzen. Als Konferenzdolmetscher mit etwa 40 Jahren Berufserfahrung „auf dem Buckel“ erlebt man sein blaues Wunder, welche „Ur-Fehler“ so gemacht werden können, wenn Kollegen unser Berufsverhalten und unsere Berufsethik nie erlernen konnten. So vieles tun wir Konferenzdolmetscher ja mit einer gewissen Automatik und routinierten Selbstverständlichkeit, so dass uns erst die Nicht-Beachtung professioneller Regeln aufschreckt: da läuft etwas schief, der ruhige Fluss der Verständigung in der Konferenz wird gleich holprig, droht zusammen zu brechen, mindestens wird das Vertrauen in die Qualität der Dolmetschleistung des gesamten Teams gleich in Zweifel stehen. Der Circulus vitiosus von Minderleistung - Misstrauen - Missachtung und wieder Minderleistung des gesamten Teams.

Es geht um so dumme kleine Fragen wie diese:

  • Ab wann sitzt der Dolmetscher in der Kabine? Gewiss nicht erst nach Beendigung des Schwatzes mit einem freundlichen oder befreundeten Delegierten!
  • Warum rennt der Dolmetscher nicht eben mal aus der Kabine, wenn Jemand um die Übersetzung eines Konferenztexts bittet? Weil er für eine bestimmte Sprachrichtung in der Kabine gebraucht wird und an diesem Platz fehlen würde.
  • Warum reißt der Dolmetscher in der Kabine nicht das Mikrophon an sich? Weil er sich mit den Kollegen erst einmal verständigt, wer wann arbeitet und sein Mikrophon öffnet.
  • Warum schiebt er es nicht einfach dem Kollegen hin, wenn im Saal eine andere Sprache gesprochen wird, als die man selbst beherrscht? Wieder muss man sich in der Kabine erst durch Zeichen verständigen. Die Zuhörer dürfen nicht durch Pausen im Dolmetschvorgang irritiert werden. Sie sollen von den für sie verwirrenden und irrelevanten Vorgängen in der Kabine nichts miterleben. Die„Kunden“ sollen dem Konferenzgeschehen in Ruhe und so als verstünden sie alle Äußerungen in der Originalsprache, folgen können. Die Dolmetscher müssen beim Zuhörer Vertrauen ins das gedolmetschte Wort schaffen. Und zu guter Letzt gibt es ja auch eine menschliche Höflichkeit unter Kollegen: ich würde doch immer jedem anderen Menschen vorab mitteilen „nun bist du dran, übernimm bitte“.
  • Warum redet man nicht ins offene Mikrophon? Das erklärt sich wohl von selbst! Unsere Gespräche sind nicht Teil des Konferenzgeschehens! Aber manche Kollegen scheinen gern vor dem offenen Mikrophon Bemerkungen zu machen, die sie im Ohr des Zuhörers für ihr stockendes und fehlerhaftes Dolmetschen vermeintlich entschuldigen. In Wahrheit reagiert der Zuhörer aber anders, nämlich mit Misstrauen gegenüber dieser Stimme und am Ende gegenüber dem ganzen Team.

Jeder von uns sollte halt Dolmetscherleistung auch einmal mit einem Delegierten-Kopfhörer anhören.

Und da ist noch eins: Auftraggeber lieben es offenbar, die Einteilung der Dolmetscher für Arbeitsgruppen und andere Aufgaben wie Abendessen, Pressekonferenz, Pressegespräch am Rande direkt selbst schnell vorzunehmen. Dies muss aber in der Hand des Beratenden Dolmetschers bleiben, soll nicht auch dadurch wieder Durcheinander eintreten und soll nicht die Beurteilung der Leistung einzelner Teammitglieder Gesamtleistung und Arbeitsatmosphäre stören.

In den 50 Jahren ihres Bestehens hat aiic den Berufsstand geformt, geschaffen und geprägt. Ohne diese Grundlagen könnten wir uns längst nicht mehr behaupten in einer erweiterten EU, in den anderen großen internationalen Organisationen. Umgekehrt könnte sich in den Organisationen Verständigung unter den Völkern nicht vollziehen ohne den selbstverständlichen Einsatz und die Leistung von Konferenzdolmetschern. Dass es heute am Markt noch immer Nischen gibt, in denen die Kenntnis vom Regelwerk des Berufs mangelt, muss uns dann nicht stören, wenn wir alle selbst für die Wahrung und immer wieder geübte gute Praxis wohl geregelter Mitarbeit unsere Verantwortung wahrnehmen.

Möge sich der Berufskodex und die Selbstverständlichkeit professionellen Handelns sehr bald auch einer etwas größeren Zahl ausgebildeter Kollegen mit Dari als Arbeitssprache vermitteln. Unsere kleine Gruppe afghanischer Kollegen empfindet dies professionelle Verantwortungsgefühl bereits und teilt mit uns die Affinität zu unserem Berufsgeschehen.



Recommended citation format:
Gisela SIEBOURG. "Dolmetschen für Afghanistan oder Vom Segen der AIIC Arbeitbedingungen". aiic.net May 24, 2004. Accessed November 14, 2019. <http://aiic.net/p/1485>.



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Comments 1

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Susan Fergusson

   

Thanks you, Gisela, for the interesting and sometimes amusing article. Indeed, I think we all take a lot AIIC has achieved for granted and its good to reflect on this from time to time. And thanks to Kate for the translation.

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