Auf nach Europa - oder zurück nach Babel?

Sprachgrenzen überbrückende Kommunikation ist Angelpunkt aller internationalen Beziehungen. Das gilt ganz besonders für die Europäische Union, in der tagtäglich Millionen Wörter aus den und die 11 Spr

Mit dem Beitritt der mittel- und osteuropäischen Länder ab 2004 wird sich die Zahl der Arbeitssprachen demnächst verdoppeln. Grund für die EU, Übersetzer und Dolmetscher zu motivieren, dieser ungeheuren Herausforderung mit der gleichen Begeisterung und dem gleichen Einsatz zu begegnen wie früheren Erweiterungen der Gemeinschaft - so sollte man meinen.

Statt dessen hat das Europäische Parlament für die Verdolmetschung nach der EU-Erweiterung eine erstaunliche Gleichung aufgestellt: Doppelt so viele Arbeitssprachen + höhere Arbeitsbelastung der Dolmetscher = 1/3 weniger Personal. Qualitätserwägungen fallen dabei kaum ins Gewicht.

Eigenartig? Das ist in der Tat die Meinung der Sprach-Profis. Die aber wurden nicht angehört, bevor EP-Verwaltung und -Politiker ihre Entscheidung trafen.

Eine vom Internationalen Konferenzdolmetscherverband (AIIC) initiierte Kampagne der beamteten und freiberuflichen Konferenzdolmetscher macht ihnen das Weghören jedoch zunehmend schwerer. In einer nie dagewesenen gemeinsamen Generalversammlung am 24. Oktober in Strassburg (Frankreich) sprachen sich mehr als 300 EP-Dolmetscher geschlossen gegen den Plan aus und bestanden darauf, praxiserfahrenen Fachleuten bei der "Definition einer professionell, politisch und finanziell vertretbaren Vielsprachigkeit"(1) den ihnen gebührenden Platz einzuräumen. Diese Forderungen fanden sofort Unterstützung bei den ähnlich bedrohten EP-Übersetzern, beim Personalrat der EP-Bediensteten und bei den Kommissionsdolmetschern.

Worin besteht die (nicht gar so) brillante Idee des EP?

Nun: Englisch kann jeder, nicht wahr? Für Dolmetscher sollte es da doch ein Kinderspiel sein, ins Englische zu arbeiten. Und wenn das alle machen, müssen sie nicht mehr die jetzt üblichen drei, vier, fünf Sprachen beherrschen. Vom Englischen in die Muttersprache und zurück. Kein Ärger, keine Komplikationen - und die englische Kabine wird überflüssig! Englisch-Muttersprachler? Braucht man nicht. Deren Ausdrucksweise ist ohnehin reichlich unverständlich, oder? Und warum nicht im selben Atemzug bei der Teamstärke das Messer ansetzen? Weniger Dolmetscher bedeuten weniger Personalkosten, und dann reichen auch kleinere Kabinen - noch eine Ersparnis.

Diese unglaublich anmutende Geschichte ist leider ebenso traurig wie wahr. Und Qualität steht bisher nicht im Drehbuch.

Ohne Qualität geht die Rechnung nicht auf

Was macht Dolmetschqualität in einem vielsprachigen Umfeld aus? Das jetzige System in der EU zeigt, wie es geht.

Die Dolmetscher arbeiten üblicherweise direkt aus mehreren Fremdsprachen in ihre Muttersprache, in der sie mit technischen Feinheiten und Nuancen im Ausdruck am besten zurechtkommen.

Ist die direkte Verdolmetschung nicht möglich (weil nicht genügend kompetente Dolmetscher zur Verfügung stehen), wird im "Relais" gearbeitet, d.h. die einer Sprache nicht mächtigen Dolmetscher übertragen die Dolmetschleistung eines Kollegen ("Pivot" genannt) in ihre Sprache.

In Sitzungen mit vielen Sprachen ist diese Technik unvermeidlich, aber sie bleibt die zweitbeste Lösung, da sie unvermeidlich mit Verzögerungen bei der Informationsvermittlung und einer Beeinträchtigung der Genauigkeit einhergeht.

Ein Dolmetschteam muss zur Sicherung einer reibungslosen Kommunikation pro Sprache mindestens zwei "Pivots" in verschiedenen Kabinen aufweisen. Wenn nicht genügend "Pivots" verfügbar sind, die in ihre Muttersprache arbeiten, erfolgt die Verdolmetschung in eine den übrigen Teammitgliedern bekannte Sprache durch ein "Retour". Zum Beispiel gibt es immer noch wenig Nicht-Muttersprachler, die Finnisch beherrschen. Deshalb müssen die Kollegen der finnischen Kabine oft ein "Retour" in eine geläufigere Sprache liefern (meist Englisch oder Deutsch, aber auch Französisch und Spanisch).

"Relais"-Dolmetschen statt zur Ausnahme zur Regel zu machen, leistet Kommunikationsverlusten Vorschub. Die "Vielsprachigkeits-Verwalter" des EP interpretieren den Verlust als Gewinn und führen die Erfahrung mit dem Finnischen als Beweis ins Feld. Die finnischen Dolmetscher dagegen sehen in dieser Einschätzung den Beweis für mangelnde Sachkenntnis. Sie haben aus eigener Praxis gelernt, dass das Risiko von Abstrichen an Inhalt und Präzision steigt, wenn das Relais von Dolmetschern geboten wird, die sich in einer Fremdsprache ausdrücken, in der sie weniger wortgewandt und sicher sind als in der eigenen.

Sie klagen auch über die Stressbelastung, der sie ausgesetzt sind, wenn sie zudem wissen, dass das gesamte Team von ihrer Übertragung abhängt. Am meisten fürchten sie das "Strassburg-Syndrom": schwere stressbedingte Störungen aufgrund der Arbeit als einziger "Pivot" für 10 andere Sprachen im Plenum des EP - ein schwindelerregendes Feuerwerk technisch komplexer, politisch sensibler und meist in Höchsttempo vorgetragener Reden.

In einer von der Generalversammlung der EP-Dolmetscher im Oktober unterstützten Entschliessung akzeptieren sie das "Retour", auch "bi-aktive Verdolmetschung" genannt, als Übergangsmassnahme nach dem Beitritt neuer Länder. Aber sie betonen, dass "Retour-Dolmetschen keine langfristige Dauerlösung für das EP sein kann" und fordern "sofortige Massnahmen mit dem Ziel der Abschaffung des Retour aus dem Finnischen".

Ausserdem kritisieren sie die verbreitete Praxis, nur eine "Pivot"-Kabine zu stellen, wie es für Finnisch im EP immer noch üblich ist. Sie fordern, bis zum 31. März 2002 in allen Sitzungen ausnahmslos mindestens zwei Pivot-Sprachen vorzusehen(2).

Ist weniger mehr?

Auf alle Fälle verfehlt das EP das deklarierte Ziel, nämlich Geld zu sparen:

"Das geplante System (...) wird keine nennenswerten Einsparungen bringen", heisst es in der Entschliessung der Generalversammlung, "denn es hat keinen Einfluss auf die Zahl der Dolmetscher pro Kabine". Mit zusätzlicher Arbeitslast (durch Retour-Dolmetschen) lässt sich schwerlich eine Reduktion der Teamstärke begründen.

Den Vordenkern des EP ist überdies nicht klar, dass die Verdolmetschung in eine Fremdsprache andere Kompetenzen voraussetzt als die Übertragung anderer Sprachen in die eigene. Etwa ein Drittel der bei der EU akkreditierten Dolmetscher verfügen über diese Kompetenz - überwiegend praktiziert in Form von Flüster- oder Konsekutivdolmetschen bei Dienstreisen oder in kleinen Sitzungen vor Ort. Kaum einer dieser Dolmetscher wäre bereit oder in der Lage, diese Praxis auf das Simultandolmetschen zu übertragen, erst recht nicht in hochtechnischen Ausschussitzungen oder im Plenum des EP.

Im Normalfall entscheiden Dolmetscher zu Beginn ihrer Laufbahn, welchen Weg sie einschlagen wollen: Entweder sie konzentrieren sich auf ein Sprachenpaar und arbeiten "bi-aktiv", oder sie erlernen mehrere Fremdsprachen, aus denen sie in die Muttersprache dolmetschen.

Im ersten Fall werden sie hauptsächlich in Konferenzen mit wenigen Arbeitssprachen, meist in zweisprachigen Sitzungen, auf dem Privatmarkt tätig. Im zweiten landen sie bei internationalen Organisationen und/oder Konferenzen, die Vielsprachigkeit praktizieren. Unterschiedliche Laufbahnentscheidungen, unterschiedliche berufliche Praxis, unterschiedliche Lernprozesse als Voraussetzung.

"Stellen Sie sich vor", schreibt Martin Wooding, Herausgeber der Monatsschrift der EP-Dolmetscher, Lingua Franca, "sie sind in einem grossen Krankenhaus mit einem Dutzend Fachabteilungen. Jede Abteilung hat ihre eigenen hochqualifizierten Spezialisten, die während langer Berufsjahre ihre Fachkompetenz vervollkommnet haben. Plötzlich sieht sich das Krankenhaus mit einer neuen Bedarfslage konfrontiert und muss mehrere neue Fachabteilungen hinzufügen. Die Krankenhausverwaltung (die offen eingesteht, dass sie über Medizin nichts, über Verwaltung dagegen alles weiss) will die neuen Abteilungen, findet sie aber zu teuer. Da ersinnt sie einen brillanten Plan. Alle Fachärzte lernen eine weitere Tätigkeit dazu. Die Kardiologen arbeiten nebenher als Fusspfleger, die Hirnchirurgen als Chiropraktiker, und die HNO-Ärzte betreiben Molekularbiologie. Damit kann man wunderbar Arbeitsplätze einsparen. Ein wahrhaft hervorragender Einfall, auf den nur die geistreichsten aller Genies verfallen konnten. Was bedeuten schon Fachgebiete? Schliesslich sind doch alle Ärzte!"(3)

Ganz so weit sind die Dinge noch nicht gediehen, und wir werden alles daransetzen, dass es so weit nicht kommt. Die EP-Dolmetscher engagieren sich für eine Vielsprachigkeit, die dieser Bezeichnung würdig ist, und sie verteidigen bewährte professionelle Grundsätze. Kurz: Wir wollen nicht zurück nach Babel.

"Wir müssen dafür sorgen", endet der Lingua Franca-Artikel, "dass unseren Arbeitgebern ein gerüttelt Mass an sachkundiger Beratung zuteil wird, bevor es zu spät ist, diese Institution vor sich selbst zu retten".(4) Dem ist nichts hinzuzufügen.


1 Siehe Resolution on the management of multilingualism at the European Parliament after enlargement
2 Siehe Resolution on the interpretation out of Finnish at the EP
3 Martin Wooding, "The bureau proposals on interpretation in the Podestà report," Lingua Franca, Vol.4 No. 9, October II, 2001 (http://www.europarl.eu.int/interp/online/lf99_one/v04_no9/index.htm)
4 Id.



Recommended citation format:
Silke GEBHARD. "Auf nach Europa - oder zurück nach Babel?". aiic.net December 8, 2001. Accessed November 14, 2018. <http://aiic.net/p/527>.



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Comments 3

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Burckhard Doempke

   

Envisager une grève? Certes pas, ça sera contreproductif, car on se rendra compte qu'on se débrouille pas mal dans beaucoup de cas en BSE (Badly Spoken English), phénomène que nous observons déjà de plus en plus fréquemment sur le marché privé. Faisons plutôt un effort accru de convaincre nos interlocuteurs de la justesse de nos arguments et du fait que notre position ne sert pas uniquement nos propre intérêts (légitimes) mais les leurs aussi. Ne gaspillons pas nos forces, gardons la grève comme arme de dernier recours.

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yve delaquis

   

Nous qui avons cru que ce phénomène, ce «développement» ne touchait et ne concernait «que» le marché privé?!?!?!

Manifestement, seul l'aspect du FRIC prime encore, ceux de la qualité, de l'éthique et de l'expérience professionnelles n'étant plus requis ni appréciés par, avouons-le, une «clientèle» toujours plus jeune qui, elle aussi, ne maîtrise plus ses langues donc qui se FOUT magistralement de ce que nous pouvouns/pourrions encore leur offrir, que ce soit à l'écrit OU à l'oral!

Et si NOUS envisagions une grève???????

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Martin Will

   

Schoen, im ansonsten eher "biaktiven" Communicate! (passend zum Thema Vielsprachigkeit) auch einen deutschen Beitrag zu finden.

Wie bei jedem emotionsgeladenen Sujet halte ich es gerade bei den geplanten Veraenderungen fuer besonders wichtig, Wunsch und Wirklichkeit voneinander zu trennen.

Da gibt es einerseits konkrete (logistische, raeumliche, finanzielle etc.) Probleme auf Ebene eines "Konferenzveranstalters", die sich durch eine Fortsetzung des bisherigen Systems bei gleichzeitiger Erweiterung zuspitzen wuerden.

Andererseits liegt es im legitimen Interesse der fuer den "Veranstalter" taetigen Dolmetscher, eine ebenso konkrete Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen zu bekaempfen.

Bei den hierbei ins Felde gefuerhten Argumenten wuerde ich jedoch sehr genau darauf aufpassen, dass sie, v. a. wenn sie Aussagen ueber "bessere" Leistungen in Zusammenhang mit der Sprachrichtung treffen, gleiches mit gleichem vergleichen, und nicht fuer die "genehmere" Variante(die fuer die von moeglichen Veraenderungen betroffenen Dolmetscher die langjaehrige Norm/bekannte Arbeitsgrundlage ist) geringere Anforderungen zugrunde legen als beim retour, der von den allermeisten, zumal bei Englisch, nicht beherrscht wird.

Muss eine Zieltextproduktion in der Fremdsprache (auch bei nicht vollstaendig zweisprachigen - was immer das heissen mag..) zwangslauefig schlechter sein als in der Muttersprache? Gibt es nicht auch - wiegesagt nur vom Aspekt der "Qualitaetssicherung" her betrachtet, nicht auch Vorteile eines Biaktiven Systems (bessere Rezeption des - muttersprachlichen -Ausgangstextes, der ja, wie man so des oefteren liest, in "allen Nuancen" nicht nur verdolmetscht sondern auch verstanden werden sollte; geringere Anforderungen an die Wissensorganisation - zu gut Deutsch: Terminologiearbeit - durch die Tatsache, dass anstelle von mindestens 3 passiven und 1 aktiven Sprache "nur" noch 2 aktive Sprachen benoetigt werden etc.)? Und - haengt Qualitaet nicht auch mit Erfahrung, etwa der Zahl von Einsaetzen in einem spezifischen Arbeitskontext, zusammen?

All dies soll nicht ueber die Tatsache hinwegtaueschen, dass die "Reformvorstellungen", soweit nachzulesen, einer Reihe von Irrtuemern unterliegen oder zu undifferenziert sind. Und schon gar nicht, dass wir uns nicht dagegen wehren sollten.

Wenn wir uns aber, was ich sehr gut finde, als Experten an der Neugestaltung beteiligen wollen, sollten wir dies mit moeglichst objektiven Argumenten tun und uns nicht von vielleicht lieben, aber nicht ausreichend hinterfragten Ueberzeugungen hinreissen lassen.

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