Management der Vielsprachigkeit im Europäischen Parlament nach der Erweiterung - Die Meinung der Experten

Die AIIC ist die einzige Organisation, die den Berufsstand der Konferenzdolmetscher weltweit vertritt. Seit mehr als 30 Jahren ist sie Sozialpartner und beratende Expertin in Sachen Dolmetschen bei allen großen internationalen Organisationen, einschließlich der Europäischen Union.

Die AIIC möchte auch zu einer effizienten Lösung des Problems der Mehrsprachigkeit nach der Erweiterung beitragen und bedauert, dass sie bisher in dieser für das Funktionieren des EP und des Dolmetschens im allgemeinen so wesentlichen Frage nicht konsultiert worden ist.

Am 3. September gab das Präsidium des EP grünes Licht für ein System, mit dem der zukünftige Dolmetscherbedarf effizient gemanagt werden soll. Diese Entscheidung basiert jedoch weitgehend auf falschen Prämissen über das Funktionieren des Dolmetschsystems und die kostenrelevanten Faktoren.

Sollte die Entscheidung zur Mehrsprachigkeit in der jetzigen Form umgesetzt werden, würde dadurch die Kommunikation zwischen den Politikern des EP ernsthaft beeinträchtigt, die Dolmetscher würden zu einem unprofessionellen Arbeiten gezwungen, Einsparungen dagegen nicht erzielt.

Der Bericht, der die Grundlage für die Entscheidung des Präsidiums des EP bildet enthält folgende schwerwiegende Mängel:

  1. Eine direkte Verdolmetschung aus allen Sprachen in jede andere Sprache wird umso komplizierter, je mehr Sprachen hinzugefügt werden, bleibt jedoch grundsätzlich möglich. Wenn ein Dolmetscher die Sprache des Redners nicht direkt versteht, arbeitet er/sie über einen sogenannten „Pivot“ (Relais), d.h. einen Kollegen in einer anderen Kabine, der direkt dolmetscht. Dies ist nichts Neues. Relaisdolmetschen wird immer dann eingesetzt, wenn Dolmetscher aus bestimmten Sprachen nicht in ausreichender Anzahl vorhanden sind. Nach der Erweiterung wird dies einfach häufiger vorkommen.
  2. Die Feststellung des Lenkungsausschusses des EP zur Mehrsprachigkeit ist falsch, wonach bei Hinzufügung weiterer Sprachen nach den AIIC-Regeln „bis zu 20 Dolmetscher pro Kabine“ notwendig wären. Die Anzahl der Dolmetscher pro Kabine bliebe im wesentlichen unverändert.
  3. Genauso falsch ist die Annahme, dass bei systematischer Verwendung des „biaktiven Dolmetschens („Retour“) die Anzahl der Dolmetscher pro Kabine verringert werden könnte. Normalerweise arbeiten Dolmetscher aus Fremdsprachen in ihre Muttersprache. „Retour“ bedeutet, dass sie außerdem aus ihrer Muttersprache in eine andere Sprache arbeiten müssten (nur wenige Dolmetscher sind dazu in der Lage). Eine Erhöhung der Arbeitsbelastung bei gleichzeitiger Verringerung der Teamstärke ist inakzeptabel.

Eine qualitativ hochwertige Verdolmetschung kann nur unter folgenden Bedingungen gewährleistet werden (entsprechend unseren jetzigen Arbeitsbedingungen):

  1. Direkte Verdolmetschung (aus der Fremdsprache in die Muttersprache) soweit möglich.
  2. Zwischenschaltung des „Relais“ wenn nötig.
  3. Verwendung von „Retour“ NUR wenn nicht ausreichend Dolmetscher zur Verfügung stehen, die direkt oder über einen „Pivot“, der seinerseits direkt in seine Muttersprache arbeitet, dolmetschen können.
  4. Die Mindestanzahl von Dolmetschern pro Kabine in diesem System der Mehrsprachigkeit beträgt drei. (Die von der AIIC definierten Arbeitsbedingungen und die Mindestteamstärke pro Kabine sind kürzlich von der Free Trade Commission der USA akzeptiert worden, da sie den Gesundheitsschutz der Dolmetscher und die Qualität der Verdolmetschung für die „Verbraucher“ gewährleisten).

Zusammenfassend:

Eine Umsetzung der Entscheidung des Präsidiums des EP, wonach in allen Sprachen systematisch das „biaktive“ System verwendet würde, würde die Kommunikation im EP behindern, da das Dolmetschen nur noch unter den denkbar schlechtesten und unprofessionellen Bedingungen stattfinden könnte (systematische Verwendung von „Relais“ UND „Retour“).

Die Verwendung von „Relais“ und „Retour“ ist dagegen NICHT kostenrelevant. Der einzige kostenrelevante Faktor ist die Anzahl der aktiv in der Sitzung verwendeten Sprachen (d.h. Anzahl der Kabinen) und die Anzahl der Dolmetscher pro Kabine (die grundsätzlich unverändert bleibt).

Einsparungen sind möglich durch:

  1. Eine genaue Definition des tatsächlichen Dolmetschbedarfs jeder Sitzung.
  2. Eine bessere Verteilung der Sitzungen über die Wochentage, wodurch die Reisekosten der Dolmetscher verringert würden (z.B. 40 Sitzungen an 4 Tagen =10 Teams, 40 Sitzungen an 2 Tagen =20 Teams).

Die Grundsatzentscheidung ist eine politische Entscheidung und wurde bereits getroffen. Es wäre schade, wenn ein falsch geplantes Dolmetschsystem die Mehrsprachigkeit unterminieren würde, während es sie eigentlich ja bewahren soll. Jeder Euro, der dafür ausgegeben würde, wäre verschwendet.



Kontakte: Elisabetta Colle-Zanca (AIIC Delegation bei der EU, Italienische Kabine), Michel Lesseigne (Vize-Präsident AIIC, Französische Kabine), Silke Gebhard (Vize-Präsidentin AIIC, Deutsche Kabine, Tel.: +32-475-84 69 96).

Brüssel, 10. September 2001

Recommended citation format:
Silke GEBHARD. "Management der Vielsprachigkeit im Europäischen Parlament nach der Erweiterung - Die Meinung der Experten". aiic.net December 8, 2001. Accessed May 24, 2019. <http://aiic.net/p/595>.



Forum

Comments 1

Aktuelle Kommentare werden zuerst angezeigt

pierre noel

   

J'ajouterais aux arguments de Silke la question suivante: un retour vers quelle langue? L'anglais pour tous? Est-ce que la cabine polonaise sera autorisée à faire son retour vers l'espagnol?

Pierre Noël

Anzahl der Personen, denen das gefällt: 0 0 | 0