Wie sichere ich meinen Lebensunterhalt als Konferenzdolmetscher? Teil 1 – Ausgab

Tageshonorare für Dolmetscheinsätze kalkulieren – Kostenermittlung statt Pi mal Daumen.


Photo credits: © Stuart Miles

Ausgaben – was wir bezahlen

Ein Selbständiger muss grob gesprochen pro Jahr folgende Betriebsausgaben bestreiten (Erfahrungswerte mehrerer analysierter Realfälle, 2010):

  • 10.000-12.000 € für die Altersvorsorge (wenn man einen Lebenspartner mitversorgt, das Doppelte),
  • 7.000-10.000 € für Versicherungsbeiträge (Krankenversicherung, Berufsunfähigkeit, Haftpflicht, evtl. Unfall, Rechtsschutz usw.),
  • 15.000-25.000 € für weitere auftragsunabhängige Betriebsausgaben (Büro, PC/Telefon, Software, Bücher, Fortbildungen, Verbandsbeiträge, Steuerberater, Werbung, PKW usw.).

Nach Abzug dieser Kosten vom Umsatz ergibt sich das zu versteuernde Einkommen, wobei Versicherungen und Altersvorsorge nur begrenzt abzugsfähig sind und teils den „privat veranlassten Kosten“ zugerechnet werden, die vom versteuerten Einkommen zu finanzieren sind. Zu den letzteren zählen weiterhin:

  • die Bildung von Vermögen bzw. Rücklagen für Krisen, Zahlungsausfälle usw. (hilfsweise mit 5.000 €, also etwa dem Äquivalent von zwei monatlichen Privatkonsumausgaben veranschlagt),
  • die privaten Konsumausgaben eines Haushaltes in Deutschland (Essen, Wohnen, Kleidung, Telekommunikation, Freizeit, Verkehr, Gesundheitspflege, Bildung, Gaststätten, Beherbergung. Diese lagen laut statistischem Bundesamt 2008 im Schnitt bei 26.940 € pro Jahr oder 2.245 € pro Monat (Singles 17.016 €/Jahr, Paarhaushalte mit Kind(ern) 36.204 €/Jahr).

Unterstellt man als Modellrechnung einen Jahresumsatz von 80.000-100.000 € und 30.000 € abzugsfähige Kosten (2.800 € abzugsfähige Krankenversicherung, 22.200 € auftragsunabhängige Betriebskosten, 5.000 € abzugsfähige Altersvorsorge), so ergeben sich 50.000-70.000 € zu versteuerndes Einkommen. Nach Abzug von Steuern inkl. Solidaritätszuschlag (13.553,58 € - 22.395,54 € alleinstehend) sowie weiteren 5.000 € nicht abzugsfähiger Altersvorsorge, 5000 € nicht absetzbarer Versicherungen und 5.000 € für Vermögens- und Rücklagenbildung bleibt ein vergleichbares Nettoeinkommen von 21.446-32.604 € für die privaten Konsumausgaben.

Achtung: Der Vergleich mit angestellten oder verbeamteten Kollegen funktioniert nur über das echte Nettoeinkommen, also das versteuerte Einkommen abzüglich der nicht abzugsfähigen Versicherungen, Vermögens- und Rücklagenbildung (wichtig, da keine Sicherheit durch Kündigungsschutz und Arbeitslosenversicherung) und sämtliche Ausgaben für Infrastruktur (Büro, IT etc.). Übrigens: Niedergelassene Ärzte erhielten 2010 im Durchschnitt ein Brutto-Honorar von 160.000 €, von dem die Praxiskosten bereits abgezogen sind. In der Gewinnermittlung des Steuerberaters für einen freiberuflichen Dolmetscher entspräche dies in etwa dem „betrieblichen Gewinn“.

Honorar und Zeit – was wir für unsere investierte Lebenszeit berechnen

Bei einer 40-Stunden-Woche mit fünf Wochen Urlaub und zwei Wochen Krankheit arbeitet man 1800 Stunden pro Jahr.

Etwa ein Drittel dieser gearbeiteten Stunden (600 pro Jahr) wird nicht direkt vom Kunden bezahlt, da diese für Verwaltung, Steuern, Werbung, Netzwerken, Fortbildung usw. verwendet werden (Zeiterfassungswerte mehrerer Realfälle, 2010).

So muss man also für jede vom Kunden bezahlte Stunde (1200 pro Jahr) 67‑84 € bekommen, um auf den in der Modellrechnung genannten Jahresumsatz zu kommen.

Bei einem Einsatz zu einem angenommenen Honorar von 750 € mit Arbeitszeiten von 9-16 Uhr, 2 Stunden Anreise und 4 Stunden Vorbereitung (insgesamt 13 Stunden) beträgt der Stundensatz 58 €. Im unwahrscheinlichen Fall eines Einsatzes ohne Vorbereitung wären es 83 €. Bei 5 Stunden Vorbereitung und einer Arbeitszeit bis 18 Uhr sind es 47 €. Um die oben errechnete Zielzahl zu erreichen, müssten für diesen Einsatz (bei 13 Stunden) 871-1.092 € in Rechnung gestellt werden.

Bei einem "nur" einstündigen Konsekutiveinsatz wendet man mit Standzeiten, An- und Abfahrt meist mindestens 4‑5 Stunden Zeit auf, zuzüglich der Vorbereitung und Abwicklung (Angebot, Beratung, Verhandlungen usw.). Wenn Vorbereitung und Abwicklung nicht mehr als fünf Stunden in Anspruch nehmen, erreicht man hier bei einem Tageshonorar von 880 € einen Stundensatz von 88 €.

Fazit: Gängige Tageshonorare für ganztägige Einsätze ermöglichen mitunter kein rentables Arbeiten. Konferenztage werden zudem immer länger und fachspezifischer und gleichzeitig nimmt die Anzahl der Tage pro Konferenz ab, d.h. pro Konferenztag wird der Vorbereitungsaufwand tendenziell deutlich höher.


Teil 2 – Praktische Anregungen aus der Arbeitsgruppe Rentabilität


Die Rentabilitäts-AG AIIC Deutschland wurde 2009 ins Leben gerufen. Derzeitige Mitglieder sind Julia Böhm, Angela Drösser, Angelika Eberhardt, Almute Löber, Oliver Pospiech, Anja Rütten und Klaus Ziegler. Wir würden uns freuen, den Erfahrungsaustausch mit Kollegen aus anderen Ländern ausweiten zu können. Wer Interesse hat, in unserem informellen Netzwerk mitzuwirken, einfach eine kurze Nachricht schicken (ruetten@sprachmanagement.net)!



Recommended citation format:
Oliver POSPIECH,Almute LÖBER,Angelika EBERHARDT,Anja RÜTTEN,Julia BÖHM,Klaus ZIEGLER,Angela DROSSER. "Wie sichere ich meinen Lebensunterhalt als Konferenzdolmetscher? Teil 1 – Ausgab". aiic.net January 27, 2015. Accessed November 14, 2018. <http://aiic.net/p/7127>.



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Handan Bao

   

Wonderful work. It demystifies the renumeration structure for not only beginners, clients, curious/resentful lay persons, but surprisingly also for many veteran practitioners. Professional training programs will do well to include this as an crucial part of the business and ethics training.

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Robert Martins OYEWOLE

   

Thanks for an insightful piece. This is an additional proof of the need for financial planning and "right" pricing for interpreting assignments so that we could all maintain a comfortable standard of living. Bravo!

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Julia POGER-GUICHOT DE FORTIS

   

Thank you for this article - this group has a good history of putting things in a very understandable and user-friendly way. I will make sure to point my students here, when they wonder what they have to take into account as aspiring business-people!

A word on savings for pensions and old age care: it will cost you a lot more than you think, and it will cost you a lot more to save for that future the older you are. One example: for every 10,000 euros/pounds/dollars in retirement income you plan for, you will have to save approximately 200 e/p/d per month if you start at age 20, and approximately 1000 e/p/d per month if you start at age 50 (Assumptions: 6% fund growth, RPI-linked annuity rate of 4.412%, 2.5% inflation, retiring at 65 years of age, source The Sunday Times 2009). Not to mention possibly paying for a care home, which costs an arm and a leg in some countries (in 2011 in the UK, the average cost was 55,000 pounds per year same source).

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Sroda BEDARIDA-GAVEH

   

Very interesting and useful. Thank you.

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Dominique LEVEILLÉ

   

The article is interesting, but I should like to point out that the 'common recommendation' mentioned in footnote (i) to invest 15 per cent of your annual income in retirement accounts is well below what is needed. I would argue that for a free-lancer, setting aside 20 to 25 per cent of your gross income (in various forms of savings) is a minimum if you want to have a decent income after retiring (and given the current trends in interest rates, people who are under 40 today will probably need to save even more). May I refer to my article from 2008, «Retraites : parlons chiffres», available on the AIIC Extranet [https://extranet.aiic.net/page/3029] for more detailed advice on that particular point.

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Kevin SCOTT-CARROLL

   

I join you in congratulating our colleagues for this enlightenment. Well written, to the point, informative. Thank you.

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Martín BARRÈRE

   

Congratulations on this outstanding and well-documented study! I had the chance of attending a time-keeping talk given by some of the members of this Working Group in Buenos Aires. Back then it was a great opportunity to understand how our fees can be calculated to our benefit. Based on the WG's reasoning, I trust we can all adapt the numbers to the different realities in our regions so that we can go on making a decent living doing what we like and enjoy. Thanks!  

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Regina SCHMIDT RIO-VALLE

   

Congratulations on the excellent job.

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